Wer fantastische Glaskunst von einer Muslima in einer katholischen Kirche sehen will, muss nach Tholey im Saarland fahren. Doch die Hauptattraktion sind die Fenster von Gerhard Richter.

Das Saarland. Das ist Völklinger Hütte, die Festungsstadt Saarlouis und AKK. Touristisch bekannt ist vor allem die A 6, um darauf die ehemalige Industrieregion eilig in Richtung Luxemburg oder Frankreich zu durchqueren.

Doch plötzlich interessiert sich die halbe Welt für die saarlandweit einzige Abtei in Tholey. Medien aus ganz Europa bis hin zur New York Times berichten darüber.
Tatsächlich gilt die Benediktinerabtei als ältestes deutsches Kloster. Seit 1400 Jahren überdauert sie die Zeit. Auch die frühgotische Abteikirche St. Mauritius ist für Kenner ein historischer Schatz. Und Abt Mauritius Choriol arbeitete in seinem früheren Leben immerhin als Koch in einer berühmten Luxemburger Sterne-Küche.

Kloster Tholey, Garten
Der neue Garten der Abtei Tholey.

Aber der internationale Blätterwald rauschte erst, als ein Name fiel: Gerhard Richter. Seine Werke werden weltweit als die teuersten eines Gegenwartskünstlern gehandelt. Zuletzt kam ein Gemälde des gebürtigen Dresdners für mehr als zwei Millionen Euro unter den Hammer. Doch den zwölf Tholeyer Mönchen hat er die Entwürfe für drei Fenster in ihrer Kirche geschenkt.

Richter-Fenster im Saarland

Richter-Fenster, Tholey
Die drei Richter-Fenster hinter dem Altar.

Bislang hatte sich der Megastar unter den Künstlern erst einmal mit einem Auftrag dieser Art beschäftigt. Schon vor 13 Jahren gab es im Kölner Dom ein enormes Bohei. Zwar sprang Kardinal Meisner wegen der bunten Glaskunst im Dreieck („passen besser in eine Moschee“), doch die Richter-Fenster wurden zum Star.
Und dann ließ der 88 Jahre alte Künstler auch noch verlauten, die Kirchenfenster in Tholey seien voraussichtlich sein finales großes Werk. Er könne sich nicht vorstellen, weitere große Malereien zu machen. Die Medien überschlugen sich förmlich.

Und es sind wirklich großartige Fenster. Auf den drei je 9,30 Meter hohen Scheiben lässt Gerhard Richter ein kaleidoskopartiges, orientalisch anmutendes Musters leuchten. Wie in einem Rorschachtest meint man in dem rot-blau-gelben Farbenspiel Gestalten zu sehen. Etwa Engel oder erschrockene Gesichter. Auch der Teufel und Pokémonfiguren wurden schon gesichtet. Aber nichts davon ist wahr.

Richter-Fenster, Patterns
Ausschnitt des Richter-Fensters.

Tatsächlich griff der Künstler dafür auf die digitale Abbildung eines seiner abstrakten Bilder zurück, um die Fläche mit den immer wieder und wieder gespiegelten Ausschnitten zu überziehen. Als Vorlage diente das Motiv mit der Nummer 724-4 aus seinem Künstlerbuch „Patterns“. 

Abtei Tholey wird Pilgerort

Mitten in Weltkunst kann man nun den gregorianischen Gesänge der Benediktiner lauschen. Und so rüsten sich die zwölf Mönche nun für den Ansturm von etwa hunderttausend Besucher und Besucherinnen im Jahr. Dafür wurden neue Parkplätze geschaffen und ein Besucherzentrum gebaut. Selbstverständlich ist die Abtei auf Facebook, Instagram und Youtube aktiv. Für Übernachtungsgäste bietet das Gästehaus St. Lioba ein Restaurant und 13 Zimmer mit allem Pipapo. Und Kloster zum Mitnehmen gibt es inzwischen auch. Etwa das neue Tholeyer Abteibräu oder Honig von Bruder Markus‘ 40 fleißigen Bienenvölkern.

Abteikirche St. Mauritius, Tholey
Zwei Jahre wurde die Abteikirche St. Mauritius renoviert.

Dabei stand das umtriebige Kloster Tholey vor rund 14 Jahren noch fast vor dem Aus. Bröckelndes Mauerwerk prägte das Bild. Aber Dank einer Stifterfamilie aus der Region wurde die Abtei ab 2009 rundumerneuert. Heute schmückt sich die Anlage mit schmiedeeisernen Eingangstoren und einem gepflegten Park. In der Abteikirche wurden Tausende von Steinen ausgetauscht, die Orgel saniert, zig Kapitelle neu gemeißelt – und sämtliche Fenster neu gestaltet.

Abtei Tholey, Orgel
Die barocke Orgel wurde auf Vordermann gebracht.

Glaskunst von Mahbuba Maqsoodi

Denn zu den schillernden Meisterwerken von Gerhard Richter im Chor kommen 34 weitere Scheiben im ganzen Kirchenraum. Gestaltet von einer muslimischen Frau, von einer Deutschen afghanischer Herkunft. Denn die Tholeyer Fratres haben sich für die Entwürfe der Münchnerin Mahbuba Maqsoodi entschieden. 

Maqsoodi-Fenster, Tholey
Das Maqsoodi-Fenster „Jesu Geburt“.

Die Glaskünstlerin hat Heilige und geradezu dramatisch erscheinende Szenen aus dem Alten und Neuen Testament aufs Glas gebracht. Da sind Fenster mit Titeln wie „Himmelfahrt Jesu Christi“ oder „Passion Jesu Christi“. Im Nebenchor hat sie Josef das Jesuskind in den Arm gelegt. Hinter der Orgelempore versteckt sich der Höllensturz.

Kräftige Farben und ausdrucksstarke Gesichter charakterisieren ihren Stil. Liebe und Freude, Angst und Verzweiflung – alle Gefühle sind zu sehen. Und Hände, überall Hände. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll.

Maqsoodi-Fenster, Heiliger Kuno
Der Heilige Kuno

Kunst für die Ewigkeit

Hinter dem Altar die Fenster von Gerhard Richter, deren abstrakte, filigrane Muster an arabische Ornamente erinnern. Und rundherum die Glaskunst von Mahbuba Maqsoodi, die auf zeitgenössische Weise von der Bibel erzählen. Die expressive Bildsprache harmoniert sensationell mit dem abstrakten Formenspiel. Das ist ganz große Kunst.

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